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zu meson (1991)

Meson ist eine Installation, die sich mit der räumlichen Rezeption auseinandersetzt. In einem länglichen Raum werden auf die beiden sich gegenüberliegenden Wände Bildcollagen projiziert. Die dazugehörigen Diaprojektoren stehen tief unten an den Wänden, so daß sich ihre Projektionen überkreuzen. In den vier Ecken stehen je eine Lautsprecherbox für die Übertragung des Zuspielbandes. Dazwischen befindet sich eine Anordnung von Stühlen, die den Betrachter einladen, sich zu setzen. Nimmt er die Einladung an, so verdeckt er mit seinem Körper einen Teil der Projektionen (von denen er ohnehin immer nur die eine Hälfte sehen kann), mehr noch, die Rezeption wird zu einer simultanen Kollektivrezeption, da jede verdeckte Projektion nicht nur für den jeweiligen Betrachter, sondern gleichermaßen für alle im Raum befindlichen Personen gilt; verläßt er nun die Mitte des Raumes, so befindet er sich in einer für die Wahrnehmung der quadrophonen Tonbandeinspielung extrem ungünstigen Position. Aus diesem Konflikt bezieht das Event seine Spannung.

Was nun vom Tonband zu hören ist, ist der elektronisch verfremdete und ins Räumliche übersteigerte Gesang einer Nachtigall - diesem in der Musikgeschichte meistzitierten Naturgeräusch. Es ist nun im übertragenen Sinne wie in Adornos Worten aus der Ästhetischen Theorie : "Schön gilt allen der Gesang der Vögel; kein Fühlender, in dem etwas von europäischer Tradition überlebt, der nicht vom Laut einer Amsel nach dem Regen gerührt würde. Dennoch lauert im Gesang der Vögel das Schreckliche, weil es kein Gesang ist..." .

Bezieht sich diese Aussage noch auf den natürlichen "Gesang" der Vögel, so ist dessen Zitat bzw. Abbild noch mit den Problemen belastet, die seit der Emanzipation der reproduzierenden Medien das künstlerische Schaffen neu interpretieren. Das "Schreckliche" der technischen Medien wird zur Herausforderung und Bedrohung des vertrauten Territoriums, sowohl in der Musik, als auch in den projizierten Bildern. So wie nach Adornos Worten der Gesang der Vögel kein Gesang ist, so ist auch der Gesang der Lautsprecher kein Gesang und so sind die Bilder der Diaprojektoren in diesem Sinne keine Bilder sondern Abbilder des Abwesenden, oder anders gesagt: erst die Art und Weise unseres Rezeptionsvorganges macht sie zu Gesängen bzw zu Bildern. An diesen Rezeptionsvorgang aber ist mit der Entwicklung der Medientechnologie ein radikal neuer Anspruch gestellt. Peter Weibel nannte es 1988 in einem Symposion auf der Ars Elektronika in Linz "das Verlöschen des Realen in der Simulation, genauer das Verlöschen des traditionellen Territoriums der sinnlichen Wahrnehmbarkeit in der mathematischen Simulation des Territoriums." Er bezieht diesen Satz zwar in erster Linie auf den Computer, aber nur als äußerste Konsequenz einer in aller Technologie latent enthaltenen Entwicklung - die allerdings erst mit dem Schritt zur Prothetisierung des Gehirns durch den Computer als Bedrohung und nicht mehr als Bereicherung empfunden wird -, und er fährt etwas später fort: "Jetzt, wo der Ort dessen, was als eigentliches Zentrum der menschlichen Souveränität angesehen wird, nämlich das Gehirn, selbst einer mathematischen Blaupause verfällt, [...] verdreht sich unser Verhältnis zur Technotransformation der Welt und wir empfinden sie als Verarmung. Dabei ist es umgekehrt so, daß erst in der Computerkultur das eigentliche Wesen der lingua mathematica zum Ausdruck kommt, nämlich die Thematisierung des Territoriums und des Realen selbst."

Adornos "Schreckliches" und Weibels "Bedrohung" konkretisieren sich in den Bildern der Diaprojektionen in denen das jeweils "Schöne" der drei Bildwelten Tafelbild, Modefotographie und Industrieaufnahme miteinander collagiert und ihnen somit ihr illusionistischer Charakter genommen wird - illusionistisch und nicht verifizierbar, da durch die Fotographie nur virtuell anwesend.

"Das virtuelle Bild ist zugleich zu nahe und zu fern: zu nahe, um wahr zu sein (um die richtige Nähe des Szenischen zu haben), zu fern, um falsch zu sein (um den Zauber des künstlichen zu haben). Daraus folgt, daß es weder wahr noch falsch ist und daß es eine Dimension eröffnet, die nicht mehr genau die des Menschen ist; eine exzentrische Dimension, die der Depolarisierung des Raumes und der Auflösung der Gestalten des Körpers." In dieser Äußerung Jean Baudrillards kommt die ganze Tragweite der Herausforderung an die neuen Medien an den Tag - und der Computer ist nur ein Teil dieser Herausforderung - es geht um nicht mehr und nicht weniger, als um das Verschwinden des Subjekt-Objekt-Verhältnisses zwischen Mensch und Medien und der daraus resultierenden Unmöglichkeit einer kritischen Distanz, wie es bereits in den 60er Jahren von Marshall McLuhan gefordert wurde. Die oben beschriebene Arbeit versucht lediglich einen Teilaspekt dieser Herausforderung in eine apperzipierbare Form zu bringen.

f.m.o.