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FM o99.5 - Franz Martin Olbrischs Radiophone Installation

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Auszug aus dem gleichnamigen Artikel von Heike Staff




Erschienen in:
Neue Zeitschrift für Musik,
Januar 1994




FM o99.5 ist eine Installation für Radio und Kopfhörer, eine "Radiophone Installation" zu den Donaueschinger Musiktagen 1993. Hören konnte sie, wer für wenig Geld ein Miniaturradio mit Kopfhörer erwarb oder sein eigenes Radio zur Hand hatte. Im Raum Donaueschingen war das Programm 48 Stunden lang auf der Frequenz 99,5 MHz zu empfangen.

Doch FM o99.5 ist eigentlich kein Radio-Programm. Nur die äußere Form scheint Olbrisch dem üblichen Sendebetrieb entlehnt zu haben. Zu allen möglichen numerisch krummen Zeiten ertönt die Zeitansage; jeweils nicht mehr als ein Puffer zwischen den 83 Teilen, aus denen sich die Installation zusammensetzt. FM o99.5 spielt Radio-Programm: eine zweitägige Mammutsendung, in der sich Musik- und Hörstücke abwechseln, Musik und Wort häufig gemischt sind. Soweit gehorcht FM o99.5 den äußeren Regeln des Rundfunks. Danach beginnt die Andersartigkeit. Und das hängt mit dem Thema und dem Material zusammen. Die Musikstücke selbst sind alle zu diesem Zweck gefertigte Originalkompositionen. [...] Kleine und kleinste Partikel stammen aus den Archiven des SWF zu den Donaueschinger Musiktagen. Durch Montage sind sie bis zur Unkenntlichkeit verändert und dann streng durchkomponiert.

FM o99.5 sollte eine Installation sein, die die gesamte Zeitdauer des Festivals umfaßt. "Nur dann", so der Komponist, "ist die Installation wirklich auf ihren Anlaß bezogen. Und in dieser Hinsicht wollte ich nicht mogeln, also laufen auch nachts interessante Stücke. [...] Diese Zeitdauer macht es unmöglich, daß jemand alles hört: es gibt keinen idealen 'Standort', keine umfassende Perspektive auf das Ganze."

Aber erst das Ganze macht FM o99.5 aus. Es handelt sich nicht um eine Installation zum Hinein- und Heraushören, nicht um ein Klangband ohne Anfang und Ende. Was man von den 48 Stunden dieser Installation nicht gehört hat, das hat man unwiederbringlich verpaßt. [...] Nur der Komponist hat bislang alles gehört. Für mich dagegen ist FM o99.5 zum nicht unwesentlichen Teil auch die Vorstellung von dem, was es ist oder sein könnte. Ich werde darauf zurückgeworfen, daß die Kunst schließlich im Kopf des Betrachters, im Kopf des Hörers entsteht.

Daß man die eigene Wahrnehmung organisieren muß, weil es keinen idealen Standort der Betrachtung und des Hörens gibt, kennzeichnet verschiedene Arbeiten des Berliner Komponisten. [...] Hatten Olbrischs frühere Arbeiten die Besucher durch die faszinierende Kombination von Ort, Musik und Aktion der bildenden Künstler gewissermaßen für das entschädigt, was ihnen jeweils vorenthalten wurde, so hat mich bei FM o99.5 neben einzelnen Musik- und Hörstücken, die mir gefielen, etwas anderes angezogen; nach längerem Zuhören gewann die Frage der angemessenen Perspektive auf Kunstwerke noch eine überraschend andere, weil inhaltlich direkt auf die Sache bezogene Dimension. Unkommentiert sind Zitate aus Musikkritiken eingeflochten: 40 Jahre Donaueschinger Musiktage und Kritik zeitgenössischer Musik ziehen da in Bruchstücken und eigentümlichen Konstellationen durch den Äther. Nicht über einzelne Stücke und Komponisten sagen diese Zitate etwas; in ihrer anonymisierten Form werfen sie vielmehr Licht darauf, wie die jeweils neue Musik der letzten Jahrzehnte betrachtet wurde. [...]

Und je mehr Worte von Kritikern und Theoretikern in FM o99.5 gefallen sind, umso deutlicher offenbart sich ihr Verhältnis zur eigenen Gegenwart: als ob diese nur eine Durchgangsstation für die Genies der Zukunft sei. Die Zusammenstellung Olbrischs erzeugte bei mir jedenfalls auch Nachdenken darüber, wie es denn mit der eigenen Herangehensweise bestellt ist und ob nicht auch meine Praxis von solch übermächtigem Orientierungsbedürfnis bestimmt ist.

Aber die Geschichte Donaueschingens ist nicht nur in Worten präsent, und Worte sind auch nicht das Wichtigste in FM o99.5. Im Zentrum der Installation steht die Musik. In gewissem Sinne ist FM o99.5 eine Art Wiederaufbereitungsanlage für Klänge aus Donaueschingen oder anders gesagt: ein Recycling für die Musik vom laufenden Band. Olbrisch hat mit mehr als zweitausend Miniaturausschnitten gearbeitet, mit sehr viel kürzeren Takes, als man es sich hätte im Tonbandzeitalter der Musique concrète träumen lassen. "Soundfiles" heißen solche Takes nun in den Programmen, mit denen man digital schneidet, mischt und Effekte setzt. Anfangs ähnelt das Vorgehen der Samplertechnik, doch sie würde für die nächsten Schritte nicht ausreichen. Im analogen Tonbandstudio dagegen wären weder die Bandlängen noch solche Kompositionen wie in FM o99.5 zu realisieren gewesen.

Zum Handwerk gibt Olbrisch nur widerstrebend Auskunft: "Ich habe mit einem abstrakten Strukturplan gearbeitet, der sich sehr vielseitig ausdeuten läßt: er enthält 83 aufeinander folgende Ereignisse, die in fünf Kategorien unterteilt sind und jede Kategorie kennt zwei verschiedene Arten. Das Ganze ist eine Schleife, in der Richtung beliebig lesbar und aus Primzahlen getüftelt - mathematisch nich korrekt zählt hier auch die Eins. Doch ich habe etwas dagegen, übers Handwerk zu sprechen; das ist für mich oft so, als würde man die Architektur immer nur unter dem Gesichtspunkt der Statik betrachten." Und was bewirken die Primzahlen in solchen Reihen? "Sie garantieren mir eins: Es können in den meisten Anwendungsbereichen keine Strukturen entstehen, die in irgendeiner Form periodisch sind."

Im Sinne eines Netzwerkes sind die 83 Teile, aus denen FM o99.5 besteht, aufeinander bezogen. Sie tragen Untertitel wie "Dissipation" oder "Algorithmus", "Klangfeld" oder "Polyphonie".

Soundfiles sind wie objets trouves; man kann sie nicht weiterspinnen wie instrumentale Klänge, und das Prinzip der entwickelnden Variation ist ihnen fremd. Sie müssen in ihrer Abfolge organisiert werden; Olbrisch tut dies mit Hilfe von Algorithmen, von Formeln, die wir aus der populären Chaostheorie kennen, oder anhand traditioneller musikalischer Formen oder Stücke, die ihm als Organisationsvorlage dienen. Welche Ebenen jeweils streng durchorganisiert werden und wo der Geschmack des Komponisten willkürlich eingreift, verhält sich in jedem der Teile anders. Beliebigkeit und Strenge sind jeweils unterschiedlich gemischt.

Manche der poetischen Titel sind durchaus bildlich zu verstehen: In "Turbulenzen" hört man die Wasserwirbel, die sich zu einem einzigen großen Strudel verdichten, und in "Schichtwechsel" ungewohnt kurze und unregelmäßige Repetitionen, die sich in Schichten zusammenballen und abwechseln. Der spielerische Charakter ist unüberhörbar bei der algorithmischen Etüde über witzige Radioversprecher und offensichtlich auch bei den Stücken, die sich auf bekannte Radiosendungen oder auf ein Zitat von Frank Zappa beziehen. Nicht minder amüsant die Art der Selbstdarstellung, die die Donaueschinger Komponisten in "sono-io-gramm" betreiben.

FM o99.5 scheint immer etwas zu sein, das es nicht ist und umgekehrt. Die Suche nach der "kompositorischen Substanz", die in Zitaten der Musikkritik gern diskutiert wird, muß an FM o99.5 scheitern. Es handelt sich um elektronische Musik - "Musique concrète Donaueschingen", wenn man so will - und gibt sich doch nicht immer sofort als elektronische Musik zu erkennen. Olbrisch hat musikalisch nicht zitiert. "Das Zitat", darauf weist er hin, "ist ein Abbild einer früheren Gegenwart, dagegen schafft die Montage der Soundfiles, gerade in den Kanons, die Illusion von Realität." Als "virtuelle Donaueschinger Musiktage" oder als "virtuelle Realität der zeitgenössischen Musik", auch so könnte man FM o99.5 verstehen.

Käme man FM o99.5 näher, wenn man die Installation als eine neue Art der musikalischen Medienkunst begreift? Zunächst scheint Olbrischs Installation ein Kommentar auf die Neue Musik im Radio zu sein, aber sie ist es eben nur zu einem bestimmten Teil. [...]

FM o99.5 ist wohl jenseits der Fragestellung nach der musikalischen Medienkunst beheimatet, ist zugleich weniger und mehr.