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Wittener Tage für neue Kammermusik 2008

Inhalt
CD 2

Wittener Tage für neue Kammermusik 2008

© 2008 - WD 2008/2

  1. Franz Martin Olbrisch -
    Augenblicke, in denen die Zeit sich spiegelt (Ausschnitt)
Konzertenvironment für 2 Videoprojektoren, Zuspielband und Live-Musiker

basiert auf der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Wittener Tage für neue Kammermusik. Das Projekt benutzt das Archiv dieses Festivals als akustischen (und visuellen) „Steinbruch“. Es selektiert die für seine Aufgaben geeigneten Materialien aus eben diesem Archiv, löst sie aus ihren ursprünglichen Kontexten und fügt sie zu neuen Sinneinheiten zusammen.

Die verwendeten Klänge sind überwiegend solche, die in der jüngeren Musikgeschichte aufgetaucht sind, sich etabliert haben und zum Bestandteil der allgemeinen musikalischen Sprache wurden. Sie vergrößern den musikalischen Wortschatz und entwickeln so unabhängig vom Schöpfer ihr Eigenleben. Die Auswahl dieser Materialien geschah nicht nach dokumentarischen Gesichtspunkten. Sie versucht nicht, einen Überblick über die Geschichte des Festivals zu vermitteln und ist schon gar nicht eine Sammlung im Sinne von „the best of Witten“ – vielmehr hat das Material künstlerische Funktionen zu erfüllen und keine repräsentativen. Was sich dennoch vermittelt, ist die spezielle Klanglichkeit verschiedener Jahre und unterschiedlicher ästhetischer Positionen und auch der intime Charakter der sich durch die Beschränkung der Wittener Tage auf kammermusikalische Werke ergibt.

Das Werk formt sich in vier Abschnitte, die sich ständig wiederholen. Jeder dieser Abschnitte bezieht sich in seiner formalen Gestaltung auf das Werk eines Komponisten: infinito nero von Salvatore Sciarrino, furioso von Mathias Spahlinger, gran torso von Helmut Lachenmann und vortex temporum von Gérard Grisey. Die Auswahl schafft vier voneinander abgesetzte Abschnitte und gliedert die Zeit.

Bei diesem Werk handelt es sich um ein Environment, in dem der Besucher ein Teil der Szenerie ist. Durch die Videoeinspielungen und die visuelle Raumgestaltung mit ihrem Netz aus Reflexionen und Brechungen, entsteht ein Raum, in welchem der Besucher seine sichtbaren Spuren hinterlässt. Das Geflecht der Schatten, das die Besucher zwangsläufig in die Projektionen einbringen, ist durch die Komplexität der Spiegelungen schwer zu durchschauen.

Der Klangraum schafft seine eigenen Irritationen. Durch den Einsatz neuartiger Lautsprechertypen fokussiert sich der Klang an unerwarteten Stellen im Raum. Die Reflexionen treten deutlich in den Vordergrund, während die Klangquellen selbst nur teilweise wahrnehmbar sind – eine Analogie zu den Reflexionen der Spiegel.

Zu bestimmten Zeiten betreten kleine Gruppen von Musikern den Raum. Sobald sie zu spielen beginnen, ändert sich die Situation. Der Raum wird zum Aufführungsort und die Musiker lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Durch den Wechsel zwischen medialem und konzertantem Raum innerhalb der gleichen Arbeit wird dieser Unterschied sinnlich wahrnehmbar. Ein zweiter Unterschied ist die Differenz zwischen Original und medialem Abbild, zwischen dem Klang eines Lautsprechers und dem eines Instruments. Der mediale Raum folgt anderen künstlerischen Intentionen als ein Konzert. Er verzerrt seine Relationen, schafft neue Kontexte, wird surreal bis in seine physikalischen, akustischen und bildnerischen Gegebenheiten.

Live-Konzert und medialer Raum stehen sich gegenüber. Der mediale Raum ist hier diskontinuierlich und fragmentarisch. Seine Bilder sind schattenhafte Erinnerungen an eine frühere Gegenwart. Ein Ort voller komplexer Bezüge und Reflexionen entsteht, der die Vielschichtigkeit des Ausgangsmaterials für den Besucher sinnlich wahrnehmbar werden lässt.

F.M.0.