Sitemap:

Wittener Tage für neue Kammermusik 1999

Inhalt
CD 1

Auf den ersten Blick dominieren die Bauten der 1892 errichteten Ziegelei die Zeche Nachtigal , zumal das, was die Zeche einst ausmachte, hauptsächlich unter Tage liegt. Bei genauerem Hinsehen sind die Überreste des märkischen Steinkohlebergbaus aber kaum zu übersehen. Besonders die Einwirkungen auf die Sozialstruktur dieser Region ist allgegenwärtig. Genau an diesem Punkt habe ich versucht, mit meinem Klangenvironment anzusetzen und gleichzeitig meine eigenen Kindheitserinnerungen an den »Ruhrpott« mit einzubeziehen.

Den Kern der Arbeit bilden sieben kleine akustische “snapshots”, welche immer wieder aus installationsartigen, durch den Besucher manipulierbaren Klangflächen hervortreten. Beide haben das gleiche Ausgangsmaterial. Für den Besucher ist es schwer, die Grenzen zwischen vorgefertigter Komposition und interaktiver Installation zu bestimmen, zumal auch die interaktiven Teile nicht linear auf die einzelnen Eingriffe reagieren. Die Aktionen der Besucher fließen zunächst in ein Geflecht algorithmischer Bezüge ein und führen erst in ihrer Gesamtheit zu einem hörbaren Resultat. Das Verhalten der einzelnen Besucher ist stets relevant, aber ihr unmittelbarer Anteil am Gesamtgeschehen ist nur indirekt zu bestimmen. Sie agieren in einem sozialen Geflecht, und je mehr sie dieses durchschauen, um so gezielter können sie ihre Aktionen ausführen.

In diese Interaktionsflächen intervenieren die vorgefertigten “snapshots”. Nicht, daß sie plötzlich auftauchen, ihr Auftreten ist eher unmerklich. Zunächst verringern sie lediglich die interaktiven Möglichkeiten, bevor sie sich mehr und mehr etablieren. Alle Bezüge, sei es zur Topographie des Ortes, sei es zu den Kindheitserinnerungen des Komponisten, dienten der Entscheidungshilfe bei der kompositorischen Arbeit; für den Hörer können sie bedeutungslos bleiben. In gleicher Weise markieren auch die konkreten historischen Daten, die verschlüsselt in den aufblitzenden Musikzitaten auftauchen, eher ein konstruktives, als ein narratives Element. Was als Orientierung bleibt, ist die Simultaneität der Ereignisse.

“Gleichzeitigkeit ist”, wie Jean Piaget es ausdrückt, »keine primitive Intuition, sie ist eine intellektuelle Konstruktion«. Demzufolge können wir Simultaneität zwar konstruieren, und in der Regel sind wir uns der internen Konstruktion nicht einmal bewußt, aber wir sind ihr nicht ausgeliefert. Nicht jede Gleichzeitigkeit stellt automatisch eine Sinneinheit dar.

Es ging mir bei diesem Projekt vorrangig darum, die Möglichkeit von Simultanität als intellektueller Konstruktion ins Bewußtsein zu rufen, in der Hoffnung, in ihr einen Teil jener Muster vorzufinden, die unsere Handlungsweisen bestimmen - das Bergwerk somit als Sinnbild zu deuten, als Ort der verborgenen Schätze, auch wenn sie schwarz und unscheinbar anmuten.

F.M.0.